PRACHTVOLL

Stefan Temmingh, Domen Marinčič & Wiebke Weidanz

Konzeptionelle Programme sind heute Mode und wir haben uns daran gewöhnt, CDs und Konzerte mit einem thematischen Bezug anzuhören. Ein Blick auf die Konzertprogramme der Vergangenheit zeigt schnell: wir befinden uns gerade in einer Mode! Programme aus vorigen Jahrhunderten zeichnen sich aus durch unglaubliche Längen und vor allem bunt Gemischtes. Es war beispielsweise nichts Besonderes, nur einen Satz aus einem mehrsätzigen Werk vorzutragen.

Moderne Konzertprogramme sind einerseits wunderbare Ausflüge in einen bestimmten Zeitgeist, ein Land, eine Stilistik oder beleuchten das Schaffen eines Komponisten. Sie geben uns die Möglichkeit, uns zu bilden und uns in ganz bestimmte Themengebiete zu vertiefen, Neues zu lernen und daraus Querverbindungen herzustellen. Anderseits besteht die Gefahr solcher Programme darin, dass wir das Rauschhafte, Prachtvolle wegen der intellektuellen Auseinandersetzung mit einem Thema zu verlieren.
„Prachtvoll barock!“ erhebt keinen konzeptionellen Anspruch, aber es soll den Geist des Barock treffen. Mit diesen Klassikern des Blockflötenrepertoires möchte ich den ästhetischen Kerngedanken des Barocks herausheben – harmonische Opulenz, Verzierungsreichtum, eben das Prachtvolle!

Wenn ich mir mit diesem Programm nun einen Freifahrtschein erlaube, stellt sich natürlich die Frage: Warum gerade diese Werke? Mit allen verbinden mich sehr persönliche Geschichten. Anstelle der üblichen Werkbeschreibungen möchte ich meine ersten Begegnungen mit diesen Kompositionen schildern. Für mich waren diese Erfahrungen vermutlich viel prägender als sämtliche Programmheft-Texte sein können. Man kann diese heute ohnehin überall im Internet finden.

Telemanns Trio in F-Dur hörte ich zum ersten Mal live in meinem Leben vor 23 Jahren (kurz nach meiner Ankunft in Deutschland) in Bremen mit Peter Holtslag und Rainer Zipperling auf einer ERTA-Konferenz – ich habe dieses Bild bis heute im Kopf. Die ungewöhnliche Besetzung und Virtuosität des Werkes haben mir sofort imponiert.
Chédevilles Sonate in g-Moll begegnete mir, als das Werk noch als „Vivaldi“-Sonate galt, weil der Komponist diese nämlich unter dem Namen Vivaldis publiziert hatte. Meine Lehrerin in Südafrika, Karin Maritz, hat mir anhand dieses Werks Artikulation zum ersten Mal so erklärt, dass ich verstanden habe, wie wesentlich dieser Parameter für die Gestaltung ist.

Beim Spielen des Furiosos aus der h-Moll-Sonate von Händel (übrigens seine längste Sonate überhaupt) denke ich immer an meinen Professor, Michael Schneider. Er zeigte mir an dieser Sonate die Bedeutung einer sehr weichen, dichten Artikulation. Telemanns Trio in d-Moll offenbart seine Genialität in Miniaturform. Als Teenager durfte ich sie (allerdings mit Geige anstelle einer Diskantgambe) für den Südafrikanischen Rundfunk aufnehmen. Welchen Spagat der letzte Satz zwischen polnischer Bauernmusik und einer französischen Gavotte eingeht, war mir damals natürlich nicht bewusst. Heute sehe ich Telemann als ersten „europäischen“ Komponisten – er vereint wie kein anderer alle europäischen Musikstile seiner Zeit.

Leclairs Werk ist mir in meiner Zusammenarbeit mit Domen Marinčič als Student vor gut 20 Jahren begegnet. Zusammen mit Telemanns Trio und einem weiteren Trio von Prowo gehört es zu den äußerst wenigen Stücken für die Besetzung Flöte und Bassgambe. Veracinis Geigensonate wurde schon im Barock für die Blockflöte transkribiert. Allerdings wurden damals einige Sätze ausgetauscht, damit die Transkription besser zum Ambitus der Blockflöte passt. Ich persönlich spiele das Werk auf einer Flöte in Es, damit es in der Original-Tonart g-Moll erklingen kann.

2007 fuhr ich über Stockstadt nach Viersen, wo ich einen Meisterkurs von Maurice Steger besuchen durfte. Maurice wollte Veracinis Werk in Viersen spielen und bat mich, die Noten unterwegs in Stockstadt zu kaufen. Heute freue ich mich, genau dieses Stück in Bad Kissingen spielen zu dürfen, mit Maurice als Intendanten. So schließt sich für mich der Kreis!

Stefan Temmingh Blockflöte
Domen Marinčič Viola da Gamba
Wiebke Weidanz Cembalo

Werke von Telemann, Chédeville, Leclair und Veracini

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SO, 29.5.22 | 15.00 | » Rossini-Saal

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KONZERT 6
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